Medienmitteilung: Neue Kooperation im Bereich Spiritual Care

Neue Kraft für Spiritual Care

Wir befinden uns gegenwärtig in einer besonderen Situation. Alle trifft die Corona-Krise. Aber warum ist das persönliche Vermögen, mit dieser Krise umzugehen, unterschiedlich ausgeprägt? Warum reden in vergleichbarer Situation die einen vor allem von ihren Hoffnungen und die anderen nur von Befürchtungen?

Die Resilienzforschung erklärt den Unterschied mit psychologischen Faktoren. In Untersuchungen zur Resilienz wird mit guten Gründen zunehmend die spirituelle Dimension einer Person einbezogen. Wenn Sinngebungen und Hoffnungen durch ein Mehr an Vertrauen in das Leben gewonnen werden, stärkt dies nachweislich das persönliche Widerstands- und Durchhaltevermögen. Ein Überschuss an Vertrauen entsteht etwa dort, wo sich eine Person auf Verborgenes und auf noch nicht Enthülltes verlassen kann, und sich in Ritualen ihrer Hoffnungen vergewissert. Religionen wussten schon immer von diesem lebensnotwendigen Vertrauen. Ihre Vertreter und Vertreterinnen setzen darum gegenwärtig alles daran, dass die österliche Zeit gefeiert werden kann.

Spiritual Care ist ein religionsunabhängiges, wissenschaftliches Fach, in dem dieses Wissen vom Einfluss der spirituellen Dimension erforscht und weitergegeben wird. Weil jeder Mensch, ob religiös oder nicht religiös, mit individuellen Hoffnungen und Überzeugungen das Leben gestaltet, werden in Krisenzeiten solche Ressourcen besonders wirksam. Spiritual Care befähigt dazu, diese Ressourcen zu erkennen, zu nutzen und zu stärken. Die Medizinische Fakultät der Universität Basel bietet seit September 2017 den bis jetzt einzigartigen interdisziplinären postgraduierten Masterstudiengang «Spiritual Care» an. Nun besteht ein neuer Kooperationsvertrag mit dem Diakoniewerk Gallneukirchen, einem grossen österreichischen Unternehmen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Es wird für die Forschung und das Studium in Spiritual Care einen unterstützenden Theorie-Praxis-Transfer anbieten. Ziel dieser neuen Zusammenarbeit ist es, Spiritual Care zu stärken, und die Entwicklung zu fördern. Dies ist ein wesentlicher Schritt in der Zusammenarbeit von Medizin und Theologie, denn nirgendwo sonst als im Gesundheits- und Sozialbereich sind Betroffene auf eine sorgende und wertschätzende Gemeinschaft angewiesen, in der sie als Mensch gesehen und gewürdigt werden.

Spiritual Care, wie bitte?

Herr M., noch keine 70, ist schon lange leidend. Er weiss, dass er eine Krebserkrankung hat, möchte aber gerne weiterleben. Wenigstens noch ein bis zwei Jahre, wie er sagt. Den Mut zum Weiterleben bezieht er aus der Erfahrung, schon einmal eine lebensbedrohliche Situation überlebt zu haben. Ein sichtbares Zeichen für die noch
wirksame Kraft von damals sei ihm eine Ansichtskarte. Ein ihm bis dahin Unbekannter habe sie ihm zugesteckt.

Nun liegt die zerknitterte Karte auf seinem Nachtkästchen im Spital. Darauf ist ein Heiligenbild christlicher Tradition zu sehen. Für Herrn M. bedeutet dieses Bild viel – auch wenn er kein Kirchgänger ist. Ob das medizinische Personal erkennt, aus welcher Quelle Herr M. Kraft schöpft? Ob es in einem stark ökonomisierten und standardisierten Klinikalltag fähig ist, den Lebenswillen des Krebspatienten als wirksamen Beitrag zur Verbesserung seiner Lebensqualität einzubeziehen?

Die zerknittere Karte des Herrn M. wäre ein Anlass für Spiritual Care.

Ein anderes Beispiel:
Frau T., gerade 50 Jahre alt, hat eine schwere, aber heilbare Lungenerkrankung. Eines Nachts gerät sie aber in eine lebensbedrohliche Krise. Im Spital wird sie rasch stabilisiert und bald ist die Lebensgefahr gebannt. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie enttäuscht. Sie wolle sterben, erklärt sie der verdutzten Ärztin, die sie schon länger behandelt. Sie gibt sich daraufhin keinerlei Mühe mehr, um zu gesunden. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Erst als ein Arzt sich Zeit für ein längeres Gespräch nimmt, das über das Medizinische hinausgeht, kommt Licht in den Sterbewunsch: Frau T. hatte mehrere Schwangerschaften abgebrochen. Sie litt unter ihrer Schuld und sah keinen Sinn mehr in ihrem Leben, sie wolle nur noch bei ihren toten Kindern sein! In welchem durchgetakteten medizinischen Unternehmen gibt es Zeit und Raum für die Beachtung zerstörter Lebenskräfte?

Eine Ausbildung in Spiritual Care zielt genau auf das, was in Betreuungsinstitutionen heute zuweilen auf der Strecke bleibt: den Einbezug der Ressourcen von Patientinnen und Patienten. Spiritualität ist eine lebensnotwendige Ressource, denn sie hat eine sinngebende Dimension. Sie kann die Beziehung zu geliebten Personen, zur Natur und zur Umwelt, zu sich selbst, zu einem Haustier und zu etwas Transzendentem und Heiligen beinhalten. Was immer diesen Sinn gibt, er trägt nachweislich zur Steigerung von inneren Kräften und damit zur Selbstheilung bei. Wenn kranke und beeinträchtigte Menschen in einer entsprechenden Einrichtung sein müssen, muss in diesem Unternehmen ein Lebenssinn fördernder Geist herrschen. So ist Spiritual Care auch ein Qualitätsmerkmal für Kliniken und Heime.

Was das für den praktischen Berufsalltag heisst, lernen die Studierenden des Studienganges Spiritual Care in Basel nun durch die neue Kooperation mit dem Diakoniewerk Gallneukirchen.

Wozu die Kooperation?

Das Sozialunternehmen, bei Linz/Donau gelegen, hat nahezu 4000 Mitarbeitende und mehr als 200 Einrichtungen in ganz Österreich und im nahen Ausland. Es ist führend im Bereich Gesundheit und Bildung mit Kliniken und Angeboten für alte und mit Einschränkungen lebende Menschen. Bei allen Tätigkeiten steht der Mensch im Mittelpunkt – mit seinen Gaben, aber auch mit seiner Zerbrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit. Weil sich Spiritualität von medizinischem und sozialem Handeln nicht trennen lässt, ist Spiritual Care hier eine unausweichliche Aufgabe. Dadurch ergibt sich ein hervorragendes Praxisfeld für ihre Umsetzung in Organisationen.

Den Nachweis, dass die Einführung von Spiritual Care in einer Organisation positive Effekte erzielt, führt die Klinik Diakonissen in Linz, ein Bereich des Diakoniewerkes Gallneukirchen. Durch periodische Evaluationen erbringt die Klinik den messbaren Beweis, dass durch Spiritual Care Patienten zufriedener sind, mit weniger Schmerzmitteln gesunden, und zugleich die Fluktuation des Personals abnimmt. Die Patienten erfahren sich nicht als Fall, sondern als Mensch. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Profis näher bei den Motiven ihres anfänglichen Berufswunsches erleben. Sie wollen für Menschen da sein und ihnen helfen. Zu verdanken ist dieses Arbeitsklima und der nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Vorteil der Kultur der Organisation. Dank einer von Spiritual Care überzeugten Geschäftsleitung erhält das Personal in seiner Dienstzeit die entsprechende Ausbildung. Eine Absolventin des Basler Masterstudienganges in Spiritual Care führt die Schulungen erfolgreich durch.

Die positiven Erfahrungen mit Spiritual Care veranlassten die Leitung des Diakoniewerks Gallneukirchen das Innovations-Center Spiritual Care in Organisationen (ISCO) ins Leben zu rufen. Seine Entwicklung wird die medizinische Fakultät der Universität Basel mit ihrem Studiengang und mit ihrem Wissen unterstützen. Leitende Mitarbeitende des Diakoniewerkes werden an der Universität Basel Spiritual Care studieren. Andererseits werden Studierende aus der Schweiz, aus Deutschland und anderen Ländern durch Praktika in den dortigen Einrichtungen Erfahrungen in Spiritual Care sammeln. Der wissenschaftliche Dialog und die Bildung eines Expertennetzwerkes werden Spiritual Care auch in jenen Bereichen zum Durchbruch verhelfen, die noch wenig erforscht sind, so zum Beispiel in der Sozialarbeit. Auf diesem relativ neuen Gebiet lieferten Studierende mit profunden Masterarbeiten erste Erkenntnisse für die Praxis.

Praktische Beispiele der Teilnehmenden im postgradualen Masterstudiengang Spiritual Care

Werden ehemalige Studierende dazu befragt, beurteilen sie ihr Studium erst einmal als persönlichen Erfolg: «Ich habe das Selbstvertrauen gewonnen, meine beiden Berufsfelder bei meiner Alltagsarbeit im Spital zu verknüpfen», so die Expertin Anästhesiepflege und Spitalseelsorgerin U. Wüthrich. Und der Dozent für Sozialpädagogik, Chr. Eckert weiss «für mich ist Spiritual Care die beste Burnout-Prophylaxe».

Darüber hinaus werden neue berufliche Perspektiven erwähnt: «Der universitäre Masterabschluss öffnete mir neue Wege der Betreuung im Pflegeheim» sagt die Aktivierungsfachfrau C. Schulthess. Die Spitalseelsorgerin K. Kaspers Elekes erfährt, dass ihre Ausbildung in Spiritual Care bei Ärzteschaft und Pflegenden Anerkennung findet. Sie kann bei ethischen Entscheidungsprozessen im Team mehr Zeit aufwenden für Informationen über mögliche spirituelle Ursachen von Wertungen und Ansichten. P. Olivares, die als Ärztin in Santiago di Chile arbeitet, rief dort eine Fortbildung in «Spiritualität und Medizin» ins Leben. N. Vogler, eine andere Absolventin, sie arbeitet als Homöopathin, hat in der homöopathischen Klinik in Kwazulu Natal das Personal mit Spiritual Care vertraut gemacht. Wieder andere wurden zu einer Dissertation im Fach Spiritual Care angeregt, und manche wechselten – ermutigt durch das Studium – erfolgreich in eine andere Berufssparte.

Dass Spiritual Care einen kreativen Raum eröffnet, beweist der Berufswechsel der Pädagogik-Dozentin I. Nydegger. Sie bildet sich zur Coiffeuse für eine «Seelsorge mit Kopf» aus: Die Ausbildung in Spiritual Care ermöglicht ihr, während der Haarpflege, etwa in einer Klinik, auf die Situation der Kundin einzugehen und für Lebensqualität zu sorgen. Die Tierärztin U. Ohnewein wiederum absolvierte neben dem Studiengang weitere Kurse in Pflege und Betreuung von kranken Menschen und arbeitet zurzeit in einem Altersheim. Ihr grosses Anliegen ist es, dass in Zukunft vermehrt Tiere in der Langzeit- und Palliativpflege eingesetzt werden und zu Lebensqualität beitragen dürfen.

Aktuelle Situation

Dank dem Kooperationsvertrag lernen die an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel Spiritual Care Studierenden noch praxisbezogener. Zudem lernen sie ein Unternehmen kennen, das sich für Spiritual Care als gemeinsame Aufgabe von Geschäftsleitung und Personal verpflichtet hat. Dank dieser neuen Kooperation wird die Erfolgsgeschichte von Spiritual Care weitergeschrieben. Zu wünschen ist, dass auch Sozialunternehmen in der Schweiz sich verstärkt für Spiritual Care einsetzen.

Kontakt

MAS Spiritual Care

Universitätsspital Basel
Klinik für Mund- Kiefer- und Gesichtschirurgie
Klinikum 1
Theresia Bürki
Spitalstrasse 21
4031 Basel
Switzerland